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Da das Hausrind vom Wildrind abstammt, sind für eine naturgemäße (evolutionsgerechte) Rinderzucht grundlegende Kenntnisse über die Wildvorfahren von ausschlaggebender Bedeutung, die in einem Jahrmillionen dauernden Ausleseprozess, der Evolution, entstanden sind.


O.Univ.Prof. i.R. DI Dr. Alfred HAIGER
, war 27 Jahre Vorstand des Institutes für Nutztierwissenschaften an der Boku und ist wissenschaftlicher Berater der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Lebensleistungszüchter, AöLZ

 

Langfristig ist nur ökonomisch, was ökologisch ist
 

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Evolution

 

Da das Hausrind vom Wildrind abstammt, sind für eine naturgemäße (evolutionsgerechte) Rinderzucht grundlegende Kenntnisse über die Wildvorfahren von ausschlaggebender Bedeutung, die in einem Jahrmillionen dauernden Ausleseprozess, der Evolution, entstanden sind. Demnach ist jedes Lebewesen das Ergebnis unzähliger Stoffwechselprozesse, die durch die körpereigenen Enzyme und Hormone gesteuert werden (Regelkreisprinzip). Die vielfältigen Stoffwechselvorgänge laufen in einem gesunden Organismus aber nicht wahllos nebeneinander ab, sondern nach einer genetisch bedingten funktionellen Über- bzw. Unterordnung (Hierarchie). Man kann daher kein lebenswichtiges, hierarchisch hochstehendes Merkmal ändern, ohne nicht gleichzeitig auch andere Eigenschaften zu beeinflussen. Auf diesen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauend, werden Kühe und Stiere von der "Arbeitsgemeinschaft österreichischer Lebensleistungszüchter" (AöLZ seit 1990 für Holstein Friesian, ab 2003 für alle österreichischen Zweinutzungsrassen) nach naturgemäßen Kriterien ausgewählt.
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Kuhfamilien sind die Zuchtbasis

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Bis vor wenigen Jahrzehnten war die allgemein gültige Meinung in der Biologie, dass Erbanlagen (DNS-Strukturen) nur im Zellkern vorkommen. Heute steht außer Zweifel, dass auch in den Mitochondrien "spezifische Erbanlagen" vorkommen. Die Mitochondrien sind im Zellplasma (Zytoplasma) eingebettet, weshalb in diesem Fall auch von der zytoplasmatischen Vererbung gesprochen wird, im Gegensatz zu den chromosomalen Erbfaktoren im Zellkern. Nachdem in den Mitochondrien ("Kraftwerken") der Energiestoffwechsel stattfindet, haben diese Gene eine zentrale Steuerfunktion für alle Stoffwechselleistungen einer Zelle. Das Besondere an der Vererbung dieser mitochondrialen Gene liegt nun darin, dass sie nur über die Eizellen weitergegeben werden, da von einer Samenzelle (Spermium) bei der Befruchtung nur der Kopf (mit dem halben väterlichen Zellkern) in die Eizelle eindringt. Der halbe mütterliche Zellkern vereinigt sich dann mit der väterlichen Hälfte zum neuen Zellkern, während die gesamte übrige Zelle rein mütterlicher (maternaler) Herkunft ist.

Eine populationsgenetische Untersuchung beim österreichischen Fleckvieh (EßL u. SCHNITZENLEHNER 1999) ergab praktisch keinen zytoplasmatischen (mitochondrialen) Einfluss auf die Milchleistungsmerkmale, sehr wohl aber auf die Nutzungsdauer, Serviceperiode und Persistenz. Für die Fitnessmerkmale (ND, PER) ist die zytoplasmatisch bedingte Ähnlichkeit zwischen Großmutter und Enkelin deutlich höher als die zellkernbedingte, was sich aus den unterschiedlichen Übertragungsweisen ergibt.
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Lebensleistung als Zuchtziel

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Mehrere betriebswirtschaftliche Arbeiten haben ergeben, dass für die Wirtschaftlichkeit der Milchkuhhaltung nach der Leistungshöhe die Nutzungsdauer der zweitwichtigste Einflussfaktor ist. Je nach Preis-Kosten-Verhältnissen ergab sich in verschiedenen Ländern (D, Ö, CH) die höchste Rentabilität, wenn die Kühe mindestens 6 bis 10 überdurchschnittliche Laktationen erbrachten.

In einer sehr detaillierten Untersuchung wurde eine ökonomische Bewertung der Lebensleistung von 316.000 österreichischen Fleckviehkühen vorgenommen (STEINWIDDER und GREIMEL 1999). Demnach kann aus ökonomischer Sicht sowohl mit kurzlebigen Kühen (2 bis 3 abgeschlossene Laktationen), als auch mit Dauerleistungskühen (6 bis 8 Laktationen) ein ähnlicher Betriebserfolg erzielt werden. Um den gleichen Betriebsgewinn zu erwirtschaften müssen Kühe, die in der 3. Laktation abgehen, aber eine durchschnittliche jährlich Milchleistung von rund 8.000 kg erbringen; Kühe mit einer Lebensleistung von über 50.000 kg dagegen nur gut 6.000 kg Jahresleistung im Mittel von 7 bis 8 Laktationen.

Andererseits wird aber auch gezeigt, dass der Betriebsgewinn stark abnimmt, wenn die Jahresmilchleistungen deutlich unter 6.000 kg sinken und die 50.000 kg Lebensleistung erst mit 10 oder mehr Laktationen erreicht wird.

Aus ökologischer Sicht darf aber nicht übersehen werden, dass bei kurzlebigen Kühen, die über 8.000 kg Milch pro Jahr geben, der notwendige Kraftfutteranteil 40 % und mehr beträgt. Das ist nach den Bio-Richtlinien der EU zwar erlaubt, jedoch mit einer nachhaltigen Grünlandbewirtschaftung, artgemäßen Wiederkäuerfütterung und ernährungsphysiologisch erwünschten Milchqualität unvereinbar!

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass eine lange Nutzungsdauer bzw. große Kälberzahl unabdingbare Voraussetzung für eine strenge Selektion ist und die Kosten für die Bestandsergänzung (Remontierung) senkt. Auch die durchschnittliche Herdenleistung ist höher, wenn weniger Erstlingskühe und mehr Kühe mit höheren Laktationen im Stall stehen.
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Milchkühe sind sehr effektive Energieumwandler

Wenn Milchkühe in erster Linie zur Umwandlung von absoluten Futterstoffen in die hochwertigen Lebensmittel Milch und Fleisch gehalten werden und die Energie der gemeinsame Nenner der verschiedensten Formen der Materie ist, so kommt es logischerweise auf die mit der Milch abgegebene Energiemenge und nicht auf den Fett- oder Eiweißgehalt an (BAKELS u. BAUER 1958). Der beste Maßstab für die Energiemenge der Milchleistung einer Kuh ist die FCM- bzw. ECM-Leistung; sie geben die energieäquivalente Milchmenge einer Kuh mit 4 % Fett bzw. 3,4 % Eiweiß an. In der Praxis ist die addierte Fett-Eiweißmenge ein brauchbarer Wert für den Selektionsentscheid.

In diesem Zusammenhang sei noch auf folgenden Sachverhalt hingewiesen. Alle Säugerarten mit niedrigem Eiweißgehalt sind spätreif, das heißt, sie wachsen langsam und leben wesentlich länger als jene mit einem hohen Eiweißgehalt, die rascher wachsen und kürzer leben. Trotz dieser erwiesenen Zusammenhänge und der etwa gleichen Gewichtung von Fett und Eiweiß bei der Milchpreisberechnung, wird bei der Schätzung der "Milch-Zuchtwerte" der verschiedenen Rassen und Länder die Eiweißmenge unverhältnismäßig höher gewichtet als die Fettmenge bzw. deren Anteile.
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Fleischleistung ist von untergeordneter Bedeutung in der Milchrinderzucht

Versucht man hohe Milchleistung und hohen Fleischansatz in der Kuh zu vereinen, so greift man schädigend in lebenswichtige Regelkreise ein. Einige Ausstellungskühe, die aus Tausenden ausgewählt werden, können nicht als Gegenbeweis gelten, sondern müssen als Ausnahmen von der Regel angesehen werden. Das bestätigt auch folgender Satz aus einem Lehrbuch über Rinderzucht aus dem Jahr 1852: „Milch- und Fleischgewinn im höchsten Grade zu vereinen, ist bis jetzt den Rinderzüchtern nicht gelungen: je mehr Milch desto weniger Fleisch."

Es sollte allerdings auch nicht "gegen Fleisch" (= Dairy-type) selektiert werden, wie dies vor allem in Nordamerika üblich ist und inzwischen von allen so genannten Hochzuchtländern übernommen wurde, obwohl die nachteiligen Folgen für die Nutzungsdauer bzw. Rentabilität der Milcherzeugung vielfach erwiesen sind (z.B. ROGERS u. Ma. 1999).
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Dauerleistungskühe sind spätreifer

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Wendet man die biologische Grundregel von BRODY (1945) auf Milchkühe an, so ist zu erwarten, dass Kühe mit hohen Lebensleistungen spätreifer sind und erst in höheren Laktationen ihr Leistungsmaximum erreichen. Manchmal wird aber argumentiert, dass die Nutzungsdauer deshalb kein geeignetes Selektionskriterium sei, weil sie erst vorliege, wenn die Tiere abgegangen sind. In einer grundsätzlichen ökonomisch-genetischen Untersuchung konnte EßL (1982) jedoch zeigen, dass man nicht auf die letzte Laktation warten muss, sondern ab der dritten Laktation einen guten Schätzwert für die zu erwartende Milchlebensleistung hat.

Denn die frühreifsten Kühe mit den höchsten Erstlaktationen steigerten sich in den folgenden Laktationen weniger und waren ab der dritten Laktation den spätreiferen Kühen - mit den höheren Dritt- und Folgelaktationen - eindeutig unterlegen. Die Erstlaktation eignet sich daher nur zur Ausscheidung der schlechtesten Kühe; sie sollte als "Trainingslaktation" gesehen und dementsprechend nicht mit Kraftfutter "getrieben" werden.
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Vorgangsweise bei der Kuhselektion

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Einem naturgemäßen Zuchtziel entsprechen Kühe, die ab der 3. bzw. 4. Laktation in der Fett-Eiweißmenge über etwa gleich alten und gleich schweren Stallgefährtinnen liegen (Abzug für Erhaltungsbedarf je 100 kg Mehrgewicht rund 500 kg Milch oder 35 kg Fett-Eiweiß).

● Für die Auswahl als Stiermutter sollten mindestens 5 Laktationen vorliegen, die ab der 3. bis 4. Laktation über dem Stalldurchschnitt liegen, da man dann wesentlich mehr über Fruchtbarkeit, Fundament, Eutersitz, Geburtsverlauf, Melkbarkeit, Persistenz, Fitness und Charakter weiß.
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Stierselektion nach naturgemäßen Gesichtspunkten

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Außer den betriebswirtschaftlichen, naturwissenschaftlichen und ökologischen Gründen, die für die Vorgangsweise der AöLZ bei der Kuhselektion ausschlaggebend sind, muss noch einmal auf das Phänomen der zytoplasmatischen Vererbung eingegangen werden. Obwohl die mitochondrialen Geneffekte von den Stieren nicht weitergegeben werden, ist jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass zwischen der Energiemenge, die in den Mitochondrien (Kraftwerken) bereitgestellt wird, und dem Leistungsvermögen wichtiger Organe wie Lunge, Leber, Verdauungstrakt oder Euter, das auf chromosomalen Erbfaktoren beruht, eine positive Rückkopplung (Wechselwirkung) besteht. Denn in einem Organismus hängt alles mit allem zusammen (Regelkreisprinzip).

Aus den angeführten Gründen werden daher die Stiere von der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Lebensleistungszüchter (AöLZ) nach folgender Vorgangsweise ausgewählt:

  • Abstammung aus Familien mit hohen Lebensleistungen
  • ZW für Fitness (ND, PER, ZZ)
  • Fett- und Eiweißmenge
  • ZW für Fleisch hat geringe Bedeutung

Das erste und wichtigste Auswahlkriterium ist die Kuhfamilie, in der hohe Lebensleistungen gehäuft vorkommen! Hat ein Zuchtstier später eine Zuchtwertschätzung (ZW) aufgrund von Töchtern, die möglichst drei Laktationen oder mehr abgeschlossen haben, wird zuerst nach der Fitness (Nutzungsdauer, Persistenz, Zellzahl) gereiht und innerhalb solcher Stiere nach der Fett- und Eiweißmenge. Dem Fleischwert wird in der Milchrinderzucht keine große Bedeutung beigemessen.
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Zusammenfassung

Soll sich trotz steigender Milchleistung die Fitness (Fruchtbarkeit und Lebenskraft) nicht verschlechtern, so dürfen im Zuchtziel nur solche Merkmale berücksichtigt werden, deren Stoffwechselprozesse sich gegenseitig zumindest nicht hemmen, sondern womöglich fördern. Diese schwierige Aufgabe der langfristig richtigen Gewichtung vieler Einzelmerkmale für den Selektionsentscheid wird "naturgemäß" am besten durch die Auswahl nach der Lebensleistung gelöst.

Der Kluge weiß es, der Erfolgreiche tut es

 

Literaturhinweis
HAIGER A. (2005): Naturgemäße Tierzucht bei Rindern und Schweinen. Österr. Agrarverlag, Wien (ISBN 3-7040-2073-7)

AöLZ-Adressen:
Obmann Martin ERTL, Oberdorf 2, 9800 Spittal/Drau, Tel.: 04762/2316 oder Prof. Dr. Alfred HAIGER, Eichfeldergasse 17/2/6, 1210 Wien, Tel.: 01/2904986, e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
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